Dein Nervensystem arbeitet nicht nur mit einzelnen Reizen
Oft suchen wir bei Beschwerden nach DER einen Ursache. DER falschen Bewegung. DEM einen Auslöser. DEM einen Moment. Spoiler Alert: Bei anhaltenden Beschwerden gibt es sie meist nicht. Denn: Unser Nervensystem reagiert vor allem auf Gesamtbelastung.
Und genau hier hilft das Bild des „Stresseimers“.
Stell dir dein Nervensystem wie einen Eimer vor
Alles, was dein System als potenziell gefährlich oder unsicher bewertet, landet bildlich gesprochen in diesem Eimer.
Zum Beispiel:
- zu wenig Schlaf
- emotionaler Stress
- Konflikte
- Reizüberflutung
- Zeitdruck
- flache Atmung
- dauerhafte mentale Alarmbereitschaft
- zu wenig Bewegung
- zu viel Bewegung
- einseitige Haltung wie z.B. nur sitzen oder nur stehen
- soziale Anspannung
- wenig Energiereserven, aka wenig Nährstoffe & Flüssigkeit, unregelmäßiges Essen
- uvm
Wenn der Eimer voll ist, dann merken wir das körperlich, z.B. als Schmerz.
Nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass all diese Dinge pauschal schlecht oder gut sind. Es bedeutet lediglich: "Das läppert sich." Wichtig ist: Wie DEIN System sie bewertet. denn Stress hat viele Gesichter und ist hochindividuell. Was für den einen komplett entspannt ist, kann für jemand anderen extrem belastend sein.
Viele Menschen merken gar nicht, wie voll ihr Eimer eigentlich ist
Vor allem Menschen, die „gut funktionieren“, merken ihre Überlastung oft erst sehr spät. Sie stehen morgens auf, gehen arbeiten oder organisieren den Alltag, gehen ins Bett und wiederholen das Ganze am nächsten Tag. Von außen wirkt erstmal alles normal. Innerlich läuft das System dauerhaft auf Hochspannung.
An sich in Isolation betrachtet ist Hochspannung nichts schlimmes. Unser System kann und darf Hochleistung bringen. Voraussetzung: Nach der Hochspannung folgt eine Regenerationsphase, in der unser System die leergelutschten Energiespeicher für das nächste Hoch wieder auffüllen kann.
Ein Problem wird Hochspannung erst dann, wenn Daueranspannung normal wird und keine Regenerationszeit mehr folgt.
Das Hexenschuss-Phänomen
Vielleicht kennst du das: Du hebst einen Stift auf, beugst dich leicht nach vorne, oder drehst dich zu einem Freund, der Dich gerade gerufen hat. Und ZACK: Hexenschuss. Der Schmerz schießt plötzlich richtig rein.
Und sofort kommt die Frage: „Wie kann DAS jetzt passiert sein, ich hab doch gar nichts gemacht?“ Richtig, in dem Moment hast Du nichts gemacht. Die Tage und Wochen davor vermutlich schon.
Die Bewegung selbst war also gar nicht das eigentliche Problem. Sie war nur der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Wenn die Gesamtbelastung zu groß wird
Als menschliche Lösungen beginnen wir dann häufig, den Fehler ausschließlich dort zu suchen, wo der Schmerz auftaucht. Beim Rücken, beim Nacken und und und. Wie Ihr schon wisst, wird man dort oft nur begrenzt fündig.
Wochenlange Belastung auf allen Ebenen gepaart mit fehlender ECHTER körperlicher und mentaler Erholung wird irgendwann zur Überlastung. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Schmerz ist dann oft nur der spürbare Teil dieser Überlastung.
Und jetzt kommt der spannende Urlaubs-Teil:
Warum wird es im Urlaub manchmal schlimmer?
Endlich Urlaub. Endlich Ruhe. Endlich abschalten. Und plötzlich ist man erstmal eine Woche krank, maßlos erschöpft oder von starken Schmerzen geplagt. Migräne-Patienten kennen häufig den Begriff "Urlaubs- oder Wochenendmigräne". „Ich denke, mein Körper braucht Ruhe? Das kann doch jetzt nicht sein!.“
Doch. Manchmal schon. Denn während stressiger Phasen läuft unser System häufig im „Funktionieren-Modus“. Das Nervensystem priorisiert Durchhalten & Überleben. Das Immunsystem arbeitet dann anders und alle Reize, die nicht dem Überleben dienen wie "ich bin müde" oder "hier ziept es" werden hintenan gestellt. Deswegen berichten auch viele "Funktionieren-Menschen", dass vor dem Schmerzausbruch alles okay und nichts spürbar war. Der Fokus war gar nicht da.
Erst wenn Ruhe einkehrt, wird überhaupt wieder wahrnehmbar, wie voll der Eimer eigentlich war.
Viele Menschen fühlensich dann in Ruhe plötzlich erstmal schlechter statt besser. Nicht weil Entspannung schlecht ist, sondern weil das System nun alles nachholt, was es in letzter Zeit zurückgestellt hat. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Der Körper arbeitet nicht gegen dich
Das ist mir an dieser Stelle extrem wichtig. Viele Menschen entwickeln irgendwann ein Gefühl von: „Mein Körper macht einfach, was er will und ist gegen mich.“ Aber meistens tut er genau das nicht. Unser System reagiert logisch auf Belastung, ob wir das nun hören und wahrhaben wollen oder nicht. Wenn ich in meiner Coachingzeit eins gelernt habe: Unser System lügt nicht. Unser Körper gibt uns lediglichFeedback.
Das ist natürlich nicht immer angenehm, aber meist plausibel. Der Körper ist nicht schwach, weil er Symptome zeigt. Im Gegenteil. Oft zeigt er einfach: „So wie gerade funktioniert es langfristig nicht.“
Warum reine Symptombehandlung oft nicht nachhaltig hilft
Und genau hier erklärt sich auch ein stückweit, warum Massagen, einzelne Physioübungen o.ä. bei anhaltenden Beschwerden oftmals nicht die erhoffte Wunderlösung bringen. Wichtig: Es gibt durchaus Fälle, in denen Massagen oder Physiobesuche absolut empfehlenswert sind. Nur meistens eben nicht bei den Menschen, die zu mir kommen und den Schmerz nicht "loswerden".
Wenn der Eimer dauerhaft überläuft, bringt es oft wenig, nur einen Tropfen zu entfernen. Das System braucht insgesamt wieder mehr Balance, mehr Sicherheit, Regulation und Entlastung. Wie das aussieht ist von Person zu Person individuell. Das geht von gezielterer Muskelkräftigung, über gedankliches Loslassen & Druck rausnehmen, über mehr andere körperliche Bewegungsvielfalt, über schnöde Atempausen hin zu einer nährstoffreicheren Ernährungsform.
Wie immer startet die Auswahl des "richtigen" Tools mit VERSTEHEN, Z.B. durch eine ehrliche Reflexion von:
Welche Faktoren füllen meinen Eimer wirklich?
Welche Situationen kosten mich körperliche vs. mentale Energie?
Wann bin ich dauerhaft angespannt?
Wann fühle ich mich gut und sicher?
Welche Muster erkenne ich?
Genau dort kann echte Veränderung beginnen.
Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst
Ich vermute, dein Körper reagiert nicht zufällig und Du bist auch nicht einfach empfindlich oder schwächer als andere. Vielleicht ist dein System schon lange im Hintergrund damit beschäftigt, Belastung auszugleichen, die Du selbst kaum noch als solche wahrnimmst.
Es geht im ersten Schritt aus meiner Sicht nicht darum, Symptome wegzubekommen, sondern erstmal darum zu verstehen, warum dein Körper sie überhaupt erzeugt. Auf geht's, Du kannst das!
Danke, dass Du hier bist!
Deine Anni


