Schmerz ist ein Ergebnis, keine Sinnesempfindung
Das ist einer der wichtigsten Sätze überhaupt, wenn es um Schmerzen geht. Denn Schmerz ist nicht einfach etwas, das aus deinem Körper „herauskommt“. Schmerz ist ein Signal, das dein Gehirn erzeugt. Immer. Der Schmerz hat dabei ein einziges wichtiges Ziel: Dich zu schützen.
Die heiße Herdplatte
Wir alle kennen die Situation der heißen Herdplatte. Du ziehst deine Hand reflexartig zurück. Kernfrage: Warum?
Nicht, weil die Herdplatte selbst „Schmerz enthält“, sondern weil dein System die Hitze richtigerweise als potenziell gefährlich bewertet.
Der Schmerz ist also nicht das Problem. Der Schmerz ist bereits die Lösung deines Systems. Eine ziemlich clevere sogar, denn ohne Schmerz würde uns ein wichtiges Alarmsystem fehlen.
Schmerz ist Schutz
Unser Nervensystem bewertet pausenlos alles, was um uns herum und auch in uns passiert:
- sicher oder unsicher
- ungefährlich oder potenziell gefährlich
- Belastung machbar oder zu viel
Und auf Basis dieser Bewertung entscheidet Dein System, welche Schutzmechanismen notwendig sind. Einen davon kennst Du schon: Schmerz. Andere Schutzmechanismen sind z.B. Verspannungen, Erschöpfung, Müdigkeit, Rückzug, Verstimmtheit, Schonung oder Bewegungsvermeidung.
Unser Körper ist also nicht doof und versucht auch nicht, gegen uns zu arbeiten. Er versucht stattdessen die ganze Zeit, uns irgendwie sicher durch den Tag zu bringen.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt
Eine Gefahrenerwartung bedeutet nicht automatisch echte strukturelle Gefahr. Auf Deutsch: nur weil wir Schmerzen haben, bedeutet das nicht automatisch, dass auch tatsächlich etwas im Körper kaputt, gerissen oder ähnlich beschädigt ist.
Das Nervensystem arbeitet nämlich nicht nur mit dem, was tatsächlich passiert. Sondern vor allem mit "hätte - könnte -würde"-Szenarien. Eben wie eine gute Helikopter-Muddie. Wie stark unser System dann tatsächlich in den Panik-Modus verfällt, wird durch viele Faktoren beeinflusst, wie z.B. durch:
- negative Erfahrungen in der Vergangenheit
- Stress
- Schlaf & Energiereserven
- Emotionen & mentale Anspannungen
- Aufmerksamkeit & Reizfilterung
- Belastungsmuster
- Gewohnheiten
- vergangene Verletzungen
Das bedeutet: Dein Körper kann Schmerzen erzeugen, obwohl strukturell gar nichts akut kaputt ist.
Und ganz wichtig: Das bedeutet NICHT, dass der Schmerz eingebildet ist. Schmerz ist real, IMMER! Er ist nur nicht immr auf einem MRT oder Röntgenbild sichtbar.
Warum das besonders bei langanhaltenden Schmerzen wichtig ist
Gerade bei länger anhaltenden Beschwerden passiert häufig Folgendes: Das Nervensystem lernt über die Zeit immer schneller Schutz auszulösen, wie ein überempfindlicher Rauchmelder.
Eigentlich eine gute Idee.Nur irgendwann reicht möglicherweise schon sehr wenig, damit das System Alarm schlägt und so ist man gefühltdauerhaft im angespannten Schmerzmodus, egal ob
- bei eigentlich normalen Bewegungen
- nach stressigen Tagen
- in emotional belastenden Situationen
- bei zu wenig Schlaf
- oder manchmal scheinbar „grundlos“.
Ohne das Grundverständnis hinter dem Schmerz ist genau das auf den ersten Blick so unlogisch und scheint willkürlich.
Befunde zeigen nur die halbe Wahrheit
Wenn man rein von den Bildern ausgeht, ist oft richtig, dass "nichts zu sehen" ist. ABER, wie Ihr jetzt wisst, wird dabei eine ganz wichtige Tatsache vernachlässigt: Schmerz entsteht nicht im Gewebe/Körper, sondern im (unsichtbaren) Nervensystem.
Chronische Spannung, Stressphysiologie, Schutzmuster, Überlastung oder dauerhafte Alarmzustände sieht man häufig nicht auf einem MRT und trotzdem beeinflussen sie massiv, wie viel Schmerz wir empfinden.
Schmerz ist nicht willlkürlich
Fazit: Schmerz passiert nicht einfach zufällig, auch wenn er sich manchmal genau so anfühlt.
Unser Nervensystem ist logisch aufgebaut. Es reagiert auf Informationen, Erfahrungen, Gesamtbelastung und Gefahrenerwartung.
Was das für dich bedeuten kann
In den meisten meiner Coachings geht es also erstmal darum, nicht NOCH eine Übung auszuführen oder NOCH eine Therapie nach dem Gießkannenprinzip zu versuchen (= wir machen mal immer mehrund immer häufiger, sodass irgendwann irgendwas bestimmt funktioniert), sondern einen Schritt zurückzutreten und zum ersten mal anzufangen, die Logik hinter dem eigenen Schmerz besser zu verstehen:
- Wann reagiert der Körper?
- Was war in den Stunden/Tagen davor im Körperspürbar, wenn auch nicht ganz so laut wie der Schmerz?
- Wann wird es schlimmer?
- Wann etwas besser?
- Welche Muster zeigen sich?
Mit der Zeit bilden sich Muster ab, die Klarheit bringen. Und genau so können wir GEZIELT an den größten Hebeln die Gesamtbelastung für Dein System runterschrauben und Maßnahmen ergreifen, die Deinem Helicopter-Muddie-System mehr Sicherheit bieten.
Danke, dass Du hier bist!
Deine Anni


