Wenn das Problem unklar ist
Stell dir vor, deine Warnlampe im Auto leuchtet dauerhaft rot.
Und statt zu schauen, WARUM sie leuchtet, klebst du einfach ein Blatt Papier drüber oder stellst sie in den Einstellungen aus. So nervt sie dich erstmal nicht mehr. Solange Du ansonsten keine Einschränkungen beim Fahren merkst, schein ja alles gut zu sein. Oder?
Was ist, wenn diese Lampe bereits frühzeitig anzeigt, dass die Schrauben am Reifen lockerer werden oder das irgendetwas nicht ganz so ist, wie es sein sollte? Dann ist es richtig, dass in dem Moment NOCH kein Schaden zu erwarten ist. Aber was passiert, wenn Du sie immer wieder ausstellst, ohne jemals zu verstehen, warum sie aufleuchtet? Das Ergebnis wollen wir uns gar nicht vorstellen.
Im Schmerzkontext möchte ich damit Folgendes sagen: Schmerz hat immer eine Funktion und entsteht selten willkürlich. Wenn wir ihn durch Schmerzmittel oder andere kurzfristige Entlastungen stummschalten oder wegdrücken, dann kann das kurzfristig angenehm sein, wiederkommen wird der Schmerz mit großer Sicherheit aber trotzdem und dann fängt der Kreislauf von vorne an.
Die Fehler-Diagnose
Bleiben wir noch einen Moment bei der Auto-Analogie. Wenn wir bereit sind, uns das rote Lämpchen mal genauer anzuschauen, dann geht's meistens in die Werkstatt. Anstatt nun einfach ins Blaue hinein am Auto rumzuschrauben, schließt die Werkstatt ganz professionell und effizient ein Fehler-Diagnosegerät an, um möglichst genau herauszufiltern, wo das eigentliche Problem liegt. Das gerät zeigt dann im Idealfall genau an, welche Schraube sich wo auch nur 1mm gelockert hat und schon kann man mit wenigen Handgriffen ein kleines Problem mit potenziell katastrophalen Folgen lösen.
Wie cool wäre es denn jetzt, wenn wir sowas auch bei unserem Körper machen könnten?!
Ich geb zu, wenn ich so ein Gerät hätte, dass wirklich ALLE relevanten Schmerz-Faktoren abdeckt, bräuchten ich und alle Mitglieder meiner Familie wahrscheinlich nie wieder zu arbeiten.
Bis wir so ein Gerät entwickelt haben, müssen wir uns wohl erst einmal anders helfen.
DIE GUTE NACHRICHT: wir haben bereits jetzt tolle Möglichkeiten, ähnliche gute Ergebnisse zu bekommen wie das Fehler-Diagnosegerät, wenn auch mit etwas mehr Aufwand verbunden.
Schmerz als Informationsquelle
Jede Schmerzattacke, jedes Ziepen und alles drum herum liefert uns neben den bekannten Nebenwirkungen vor allem eins: Informationen. Informationen über einen längeren Zeitraum betrachtet und miteinander abgeglichen zeigen Muster auf. Und Mustererkennung ist das, was uns wirklich weiterbringt.
Albert Einstein soll einmal sinngemäß gesagt haben:
„Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, um ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten damit verbringen, das Problem zu verstehen und 5 Minuten mit der Lösung.“
Das beschreibt meinen Ansatz im Schmerzcoaching ziemlich gut. In der Regel geht es nämlich nicht darum, noch mehr Dinge auszuprobieren, sondern erstmal zu erkennen: Wann und worauf reagiert mein System eigentlich?
Dein eigenes Analyse-Gerät
Das einfachste Tool, das Dich nichts kostet: Ein Schmerztagebuch aka Deine Beobachtungsgabe. Keine Sorge: Das Schmerztagebuch funktioniert auch rückwirkend, wenn Du jetzt schon innerlich vor dem Berg an Arbeit zurückschrecken solltest. Wenn Du das hier liest, dann hast Du vermutlich genug Monate und Jahre Schmerzerfahrung im Gepäck, die Du munter in 30min durchleuchten könntest. Ein Rückblick auf die letzten 1-2 Wochen kann ein guter Start sein. Du kannst aber auch ab heute starten.
Unser Ziel: Wir wollen Zusammenhänge sichtbar machen, um unseren Körper wieder zu verstehen. Wir wollen nicht noch mehr Stress auf ein System geben, das sowieso schon am Anschlag ist. Deshalb: Es gibt kein Richtig oder Falsches Führen des Tagebuchs. Du tust das für Dich und bist niemandem außer Dir selbst Rechenschaft schuldig.
So könnte ein Schmerztagebuch aussehen
Du kannst wie gesagt:
- ein kleines Notizbuch nutzen
- Notizen im Handy machen
- oder dir selbst Diktate schicken.
Wichtiger als das WIE ist die Regelmäßigkeit. Und dann gehst du im z.B. täglich kurz und knapp durch folgende Fragen durch:
Zum Beispiel:
- Waren heute Schmerzen da?
- Wo genau?
- Wie intensiv auf einer Skala von 1-10?
- Wann wurde es schlimmer?
- Wann war es etwas besser?
- Was war emotional oder körperlich los?
- Wie habe ich geschlafen?
- Wie war mein Stresslevel?
- Welche Situationen waren anstrengend?
- Gab es Momente von Ruhe oder Sicherheit?
- Sonstiges, was Dir aufgefallen ist? (Stimmung, Ernährung, bestimmte Bewegungen, Unvorhergesehenes, etc.?)
Nicht alle Fragen sind für alle relevant. Mit der Zeit wirst Du schnell sehen, ob eher Bewegung/Ernährung/Stress o.ä. Dein Schmerz-und Spannungslevel beeinflusst und dann fokussierst Du Dich auf die für Dich relevanten Bereiche.
Meine generelle Bitte bei diesem Tagebuch:
Beobachte nicht nur, wann es schlimm war
Beobachte unbedingt auch wann es NICHT ganz so schlimm war oder wann Du tatsächlich Entlastung vernommen hast. Denn auch diese Momente liefern wertvolle Informationen darüber, wann Dein Körper KEINE Notwendigkeit für den Schutzmechanismus sieht. Und im Idealfall wollen wir ja genau DIESE Momente reproduzieren und multiplizieren. Ich bin sicher, sie sind auch jetzt schon da, Du darfst sie nur wieder ins Bewusstsein holen.
Meine Empfehlung zur Dauer des Tagebuchs: Mind. 2 Wochen Beobachtung sollten es meiner Erfahrung nach sein, wenn Du allein damit startest. Mehr geht natürlich immer und kann Deine Analyseergebnisse immer feiner werden lassen.
Wir wollen nur irgendwann aus der Analyse selbstverständlich auch in die Umsetzung und konkrete Handlungsempfehlungen für uns selbst ableiten.
Allein die Erkenntnis kann entlasten
Viele Menschen, mit denen ich zusammenarbeite erleben bereits dann Erleichterung, wenn unterliegende Muster klarer werden. Die Beschwerden an sich sind dann logischerweise noch nicht weg, aber sie wirken weniger groß, unvorhersehbar und willkürlich.
Da entsteht oft zum ersten Mal dieses Gefühl von: „Moment mal…vielleicht macht mein Körper doch nicht einfach random irgendwas.“
Wenn wir dahin kommen, dann sind wir am Quell der Veränderung angelangt. Denn dann ist da eine ganz kleine Stimme in Dir, die sich für die Möglichkeit öffnet, dass weniger Beschwerden doch irgendwie irgendwann möglich wären. Und wie ein kleines Pflänzchen können wir diese Stimme pflegen und wachsen und gedeihen lassen, bis sie zu einem handfesten Glauben an ein neues Körpergefühl heranreiftt. Und wie man so schön sagt: “Ein Glaube kann Berge versetzen.”
Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst
Vielleicht ist dein Schmerz nicht einfach Zufall. Vielleicht gibt es Muster, das man bisher einfach übersehen oder Zusammenhänge, die man bisher nicht hergestellt hat. Je detaillierter wir das Problem in unserem System verstehen, desto gezielter und vielversprechender können wir Lösungen erarbeiten.
Wenn Du unsicher bist, wie Du mit dem Schmerztagebuch starten kannst oder wenn Du die Musterbeobachtung mit jemandem zusammen machen möchtest, der weiß, wo der Teufel im Detail steckt, dann unterstütze ich Dich selbstverständlich gern.
Bis dahin ist das wichtigste ANZUFANGEN.
Abschließend noch mal den Albert, weil der einfach gut ist:
„Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, um ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten damit verbringen, das Problem zu verstehen und 5 Minuten mit der Lösung.“
Du kannst das!
Danke, dass Du hier bist!
Deine Anni


