Anna war Anfang 20 als sie zu mir ins Coaching kam. Ein Alter, in dem viele Menschen ihr Leben aufbauen. Ausbildung. Job. Reisen. Die erste eigene Wohnung. Partnerschaft. Zukunftspläne. Das Leben geht nach vorne.
Nicht so bei Anna. Bei ihr fühlte es sich an, als wäre ihr Leben stehen geblieben. Während Menschen in ihrem Umfeld Pläne machten, Zukunft gestalteten und einfach lebten, bestand ihr Alltag aus Schmerzen, Zwangsausruhen, Daueranspannung & Erschöpfung. Mal zog es im Rücken, mal kribbelten Arme und Beine so stark, dass sie kaum still sitzen konnte. Dazu Schlafprobleme, Muskelverspannungen und eine innere Unruhe, die sie kaum noch abschalten konnte. Ihr Körper war permanent auf Alarm. Und das Schlimmste? Niemand konnte ihr so richtig sagen, warum.
Sie war bei Ärzten, bei Therapeuten, beim Reha-Sport - ohne wirkliche Erkenntnisse. Irgendwann stand der Verdacht Fibromyalgie (=chronische Muskelschmerzen) im Raum. Aber auch das fühlte sich für Anna nicht nach einer echten Antwort an. Es erklärte nicht, warum ihr Körper die letzten Jahre plötzlich so war. Es erklärte nicht, warum selbst kleine Belastungen manchmal zu viel waren, während sie noch vor ein paar Jahren problemlos 6x/Woche im Fitnessstudio durchpowern konnte. Und es erklärte vor allem nicht, warum sie sich ihrem eigenen Körper so hilflos ausgeliefert fühlte.
Was muss Anna denn noch tun?
Anna war unglaublich reflektiert. Vielleicht ein bisschen zu reflektiert? Sie wollte verstehen und war sofort bereit umzusetzen. Alles. Warum reagiert mein Körper so? Was fehlt mir? Was übersehe ich? Was kann ich noch verbessern? Wo kann ich noch mehr machen?
Sie las unglaublich viel. Über Symptome, über Ernährung, über Medizin, über Nervensystemregulation. Sie sammelte Wissen wie andere Leute Payback-punkte. Fast so, als würde hinter der nächsten Information endlich die Lösung warten.
Spoiler:Tat sie nicht. Im Gegenteil. Mit jeder neuen Information drehte ihr Kopf noch ein bisschen mehr auf. Mache ich genug? Esse ich richtig? Bewege ich mich falsch? Sollte ich das lieber anders machen? Sie suchte nach einer Lösung für ihren Körper ausschließlich in ihrem Kopf. Kontrolle wurde zu ihrem Sicherheitsanker und gleichzeitig zu einem riesigen Stressor.
Im Coaching wurde deshalb schnell klar: Annas Problem war definitiv nicht fehlendes Wissen. Ihr Problem war, dass ihr gesamtes System im Dauerstress lief. Ihr Nervensystem war so sensibel geworden, dass selbst kleine Reize wie große Bedrohungen bewertet wurden. Bewegung gehörte dazu. Was früher normal war, war heute mit Unsicherheit verbunden. Die Ursachen sind vielfältig, hoch individuell und lassen wir im Rahmen dieser Case Study mal außen vor.
Der entscheidende Moment
Dann kam im Coaching dieser eine Moment. Ein Moment, der viel verändert hat.
Wir waren in einer Session und schauten uns gemeinsam eine Übung an, die Anna aus dem Reha-Sport kannte: Kniebeugen. Eigentlich eine simple Bewegung. Für Anna fühlte sie sich alles andere als simpel an. Nach jeder Einheit Reha-Sport hatte sie mehr Schmerzen im Rücken als vorher und dennoch wollte sie an dem letzten bisschen Bewegung pro Woche festhalten. Bewegung war für sie leider längst nicht mehr neutral. Bewegung war Unsicherheit.
Schon bevor sie die erste Kniebeuge machte, begann ihr System zu reagieren. Die Schultern wurden fester. Der Atem flacher. Die Lippen zusammengepresst. Der Nacken spannte an. Kleine Dinge, die man von außen oft kaum sieht, die im Körper aber laut sind. Sehr laut.
Anna stand vor mir. Hochkonzentriert. Anspannung bis in die Fingerspitzen.
Sie wusste genau, was normalerweise passiert. Ziehen im unteren Rücken. Kribbeln in den Beinen. Und dann der Frust.
Wir achteten bei der Bewegung bewusst auf die Qualität. Weniger Tempo. Mehr Stabilität & mehr Atmung! Sie machte die erste Kniebeuge. Dann die zweite - Dann noch eine - Und erstmal war alles okay. Fast überraschend okay. Vielleicht war da sogar ein kleiner Funke Hoffnung. Vielleicht geht es diesmal. Vielleicht ist heute anders.
Es geht schon wieder von vorne los
Dann kam es. Erst ganz leicht. Ein Kribbeln. Dann wurde es stärker. Die Beine. Dieses bekannte Gefühl. Dieses unangenehme: “Nicht schon wieder.”
Anna setzte sich auf die Bettkante, sie brauchte eine Pause. Ihr Blick ging nach unten und die Schultern sackten ein kleines Stück zusammen. Man konnte förmlich sehen, was gerade in ihr passierte.
Da war Frust. Da war Enttäuschung. Da war dieses tiefe, erschöpfte Gefühl von: „Es ist immer das Gleiche.“
Wie soll man Vertrauen aufbauen, wenn selbst kleine Belastungen zu viel sein können?
Wie soll man sich sicher fühlen, wenn der eigene Körper ständig dazwischenfunkt?
Für mich ist im Coaching immer klar, dass so ein “Tief” nicht schlecht ist, sondern wichtige Informationen bereithält. Und so doof es sich anhört: Ich bin froh, wenn solche Situationen auftauchen, während ich dabei bin, denn so können wir DIREKT eingreifen. Ich fragte sie also: „Was machst du normalerweise in so einem Moment?“
Anna antwortete leise: „Ich leg mich hin und warte einfach, bis es vorbei ist. Meistens geht das dann Kribbeln dann aber den ganzen Tag.“
Ein Muster, das ich von vielen Coachees kenne und das absolut nachvollziehbar ist: Pause, Aushalten, Abwarten, Hoffen. Mehr blieb ihr bisher oft nicht.
Aus dem Kopf in den Körper
Ich nickte. Dann sagte ich: „Okay. Heute machen wir es bewusst anders.“ Sie schaute mich an. Skeptisch, etwas müde und auch etwas genervt vom eigenen Körper. Ich bat sie, beide Füße bewusst auf den Boden zu stellen und für einen Moment bewusst das Kribbeln zuspüren, ohne es zu bewerten. Ich bat sie, sich auf der Bettkante aufzurichten, tief einzuatmen und dann ganz langsam Spannung in den Beinen aufzubauen, sprich: Bewusst Spannung in die Beine zu geben. Wie ein Dimmer, den man langsam hochdreht.
Ein kleines Stück mehr. Noch ein bisschen. Bis zu einer 6 oder 7 auf einer Skala von 1-10 und dann Spannung dort halten. Weiter atmen 3 … 2….1 … Uuund wieder lösen. Und dann spüren, was der Körper macht. Nicht denken, spüren.
Dann schaute sie auf und ich sah es sofort. Etwas hatte sich verändert. Die Augen waren größer und wacher. Der Kopf hob sich wieder und da war plötzlich wieder Energie. Und etwas anderes. Etwas, das vorher nicht da war: Hoffnung. Sie sah mich komplett überrascht und etwas ungläubig an. „Anni, das Kribbeln ist weg.“ Kurze Pause. Dann: „Krass … wie ging das denn jetzt?“ Da war er, mein Lieblingsmoment im Coaching. Der Moment, indem die Annas und Bens das erste mal KÖRPERLICH SPÜREN, dass sie selbst ihren körperlichen Zustand beeinflussen können. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit war (wieder-)geboren.
Der Anstoß
Das Kribbeln war natürlich nicht „magisch geheilt“ und natürlich auch nicht für immer weg. Darum geht es auch gar nicht. Es geht um einen Moment der Entlastung, der vorher nicht da war. Es geht um das Verständnis, dass gerade kopflastige Menschen oftmals mehr in den Körper einchecken dürfen.
Anna’s Körper war nicht mehr völlig unberechenbar für sie. Sie war ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert. Sie konnte Einfluss nehmen.
Und genau hier lag ihr erstes großes Learning. Nicht jeder Schmerz, nicht jedes Symptom und nicht jedes Kribbeln bedeutet automatisch Gefahr und Abbruch. Manchmal reagiert ein hochsensibles Nervensystem einfach auf neue Reize und Reaktion bedeutet erstmal nur: Es passiert etwas. Das ist meist gut. Wir wollen Veränderung und wir wollen, dass unser Körper uns Feedback gibt, wenn diese Veränderung stattfindet. Was wir nicht wollen ist Stillstand.
Natürlich ist Anna nicht schock-befreit von allen Beschwerden und ist immer noch auf ihrem Weg zu mehr Balance. Sie hat aber bereits wichtige Meilensteine für sich selbst legen können.
Nach dieser Session ging Anna beispielsweise wieder in den Reha-Sport mit einem neuen Verständnis und einem neuen Werkzeug. Zum ersten Mal ging sie nach einer Reha-Belastung nach Hause, ohne dieselbe Überforderung wie sonst. Das Ziepen im Rücken konnte sie aktiv Vorbeugen. Für Anna war es riesig.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit Beschwerdefreiheit, sondern mit einem einzigen Moment, in dem du zum ersten Mal verstehst:
Vielleicht bin ich meinem Körper nicht hilflos ausgeliefert.
Vielleicht kann ich mehr beeinflussen, als ich bisher dachte.
Und manchmal entsteht genau dort der Anfang von echter Veränderung.
Ich wünsche Dir genauso starke Momente der Selbstwirksamkeit, wie Anna sie erleben durfte.
Danke, dass Du da bist!
Deine Anni


